Dr. Peter Grewe

Konzept der strukturellen Differenzierung

Die moderne CMD-Diagnostik berücksichtigt die engen Wechselbeziehungen zwischen den Strukturen der Kiefer-Nacken-Funktionskette, dem zentralen Nervensystem, dem Stoffwechsel und den genetischen Risikofaktoren der Entzündungsneigung. Eine erhöhte individuelle genetische Konstellation der Entzündungsbereitschaft kann zum Beispiel unter dem Einfluss von Fremdmaterialien (Titanimplantate, Zahnersatz) oder unbemerkten Infektionen (Herdgeschehen) im Mund zu einer überschießenden Entzündungsantwort führen. Dabei besteht die Gefahr einer Sensibilisierung des zentralen Nervensystems mit Entwicklung einer chronischen Erkrankung am gleichen Ort (s. CMD) oder in einem anderen Teilbereich des Körpers (s. Rückenschmerzen).

So kann beispielsweise  neben der genetisch erhöhten Entzündungsbereitschaft auch ein zurückliegendes Schleudertrauma an der Halswirbelsäule zu einer Sensibilisierung im zentralen Nervensystem führen. Wenn beim gleichen Patienten ein im Kieferknochen eingewachsener und verlagerter Weisheitszahn dicht am Unterkiefernerv (Trigeminus) liegt, kann es durch den Faktor Zeit zu einer Reizung des Trigeminusnerves mit übermäßiger chronischer Entzündung kommen. Diese kann bei einem völlig harmlosen Auslöser (Erkältung oder kaum spürbare Zahnerkrankung) plötzlich durchbrechen und anhaltende unklare Beschwerden im Kiefer- Gesichts-, Kopf- und Nackenbereich (s. sogen. therapieresistente CMD) auslösen.

Die Strukturen der Kiefer-Nacken-Funktionskette sind: 

  • die obere Halswirbelsäule (Kopfgelenksystem),
  • die Kiefergelenke und die Kaumuskulatur (Kauorgan),
  • die Zähne, der Kieferknochen (Zahnsystem),
  • die oberen Atemwege (Rachen, Kieferhöhle).

Werden die engen Wechselbeziehungen zwischen den Teilsystemen berücksichtigt, wird deutlich, dass eine klare Unterscheidung der subjektiven Beschwerdebilder zum Beispiel einer Kopfgelenksblockierung und einer CMD kaum möglich sind. Das Konzept der strukturellen Differenzierung ist das wichtigste Instrument den Ort bzw. die Struktur in der Funktionskette zu erkennen, welche(r) die Hauptstörung für das Krankheitsgeschehen darstellt. Zu den harten biomechanischen Bauteilen gehören die knöchernen Strukturen, die Bänder, die Gelenkkapsel, der Gelenkknorpel und die Synovialflüssigkeit. Die weichen Strukturen stehen im weitesten Sinn für die Dynamik im System: Muskulatur, Fascien (Bindegewebe) und Nervengewebe.

Das diagnostische Vorgehen wird bestimmt durch den Prozess der klinischen Beweisführung:

  1. Wahrnehmung der Hinweise des Patienten aus seiner Gesundheitsgeschichte (Anamnese)
  2. Analyse der Beschwerden und des bisherigen Krankheitsverlaufes
  3. Verdachtsdiagnose: Welche Strukturen sind beteiligt und welche Rolle spielen Sie ?
  4. Untersuchung der Strukturen und Funktionen in der Funktionskette
  5. Überprüfung des Einflusses der Strukturen mittels Probetherapie und Wiederbefundung
  6. Arbeitsdiagnose: Struktur mit dem Hauptstöreinfluss benennen

Die Suche nach der verantwortlichen Struktur beginnt mit der Geschichte der Erkrankung, die der Patient mitteilt. Auch wenn Patienten es häufig tuen, aber ihr Bindegewebe und ihr Nervensystem "vergessen" eine Verletzung nie.

Die Entwicklung und Veränderung der Beschwerden im Laufe der Zeit (s. Anamnese) wird mit dem Ergebnis der klinischen Untersuchung verglichen. Bei der Erstuntersuchnung wird immer auch eine Probetherapie an den einzelnen Strukturen ausgeführt, um mittels Wiederbefund abschätzen zu können, welche Bedeutung die einzelne Struktur im Krankheitsprozess hat.

Der aktuelle Wiederbefund entscheidet darüber, welches Vorgehen im Detail und als Ganzes zu einer fortschreitenden Verbeserung führen könnte. Das ständige "Abklopfen" der Befunde (disziplinierte Wiederbefundung) der beteiligten Strukturen und Funktionen ermöglicht einen systematischen Vergleich und die notwendige Kontrolle des Behandlungserfolges im Laufe des Therapieprozesses.Unter Umständen muss nicht nur die Behandlungstechnik oder das Behandlungsmittel sondern das Managment als Ganzes verändert werden.

Somit ist die Arbeitsdiagnose immer nur eine Aktualitätsdiagnose.

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